Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir bei der Nabelschnur beginnen

Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir bei der Nabelschnur beginnen

Vielleicht müssen wir die Welt nicht zuerst an ihren größten Problemen verändern.
Vielleicht müssen wir ganz am Anfang beginnen – bei der Geburt.

Bevor ein Mensch sprechen, denken, arbeiten oder entscheiden kann, vollzieht sein Körper den Übergang vom Mutterleib in die Außenwelt. Mitten in diesem Übergang liegt die Nabelschnur.

Die erste Verbindung des Lebens

Während der Schwangerschaft versorgt die Plazenta das ungeborene Kind mit Sauerstoff und Nährstoffen. Mit der Geburt beginnt eine neue Phase – doch die physiologische Verbindung endet nicht in der Sekunde, in der das Kind geboren wird. Noch nach der Geburt kann Blut aus der Plazenta zum Neugeborenen fließen. Dieser Vorgang heißt Plazentatransfusion.

Genau deshalb hat sich die medizinische Empfehlung zur Nabelschnur in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt heute eine verzögerte Abklemmung – nicht früher als eine Minute nach der Geburt. Diese Maßnahme gilt als Bestandteil der unmittelbaren Neugeborenenversorgung und soll die gesundheitlichen und ernährungsbezogenen Ergebnisse für Mutter und Kind verbessern.

Was passiert in diesen ersten Minuten?

Bei gesunden reifen Neugeborenen werden nach der Geburt noch erhebliche Blutmengen aus der Plazenta übertragen: rund 80 ml innerhalb der ersten Minute und bis zu etwa 100 ml nach drei Minuten. Die ersten Atemzüge des Kindes spielen dabei eine wichtige Rolle.

Dieses zusätzliche Blut bedeutet auch zusätzliches Eisen. Bei reifen Neugeborenen kann die verzögerte Abklemmung die Eisenversorgung verbessern. Frühes Abklemmen vor einer Minute ist laut WHO mit einem höheren Risiko für Eisenmangel im Alter von drei bis sechs Monaten verbunden.

Das ist keine philosophische Frage. Es ist Physiologie.

Und bei Frühgeborenen?

Hier wird die Bedeutung noch klarer. Die vorhandene Evidenz zeigt, dass eine verzögerte Abklemmung bei Frühgeborenen mit einem geringeren Risiko für bestimmte Komplikationen einhergeht – darunter intraventrikuläre Hirnblutungen, nekrotisierende Enterokolitis und die Notwendigkeit von Bluttransfusionen wegen Anämie oder niedrigem Blutdruck.

Die verzögerte Abklemmung ist heute fester Bestandteil evidenzbasierter Empfehlungen zur Versorgung von Neugeborenen.

Eine Minute kann einen Unterschied machen

Das Erstaunlichste daran: Wir sprechen nicht über Stunden oder Tage. Wir sprechen über Minuten.

Die WHO empfiehlt bei Neugeborenen, die keine sofortige positive Druckbeatmung benötigen, die Nabelschnur nicht vor einer Minute abzuklemmen. Braucht ein Kind dagegen unmittelbar eine wirksame Beatmung, kann das schnelle Abklemmen und Durchtrennen notwendig sein, damit die Reanimation beginnen kann. Auch das gehört zur evidenzbasierten Versorgung.

Entscheidend ist daher nicht ein dogmatisches „immer spät“ oder „immer früh“. Entscheidend ist die Frage: Was braucht dieses Kind in diesem Moment?

Warum haben wir diese Frage nicht früher gestellt?

Die Geschichte der Medizin ist eine Geschichte des Wandels. Praktiken, die lange als selbstverständlich galten, verändern sich, sobald neue Erkenntnisse vorliegen. Frühes Abklemmen innerhalb weniger Sekunden war über Jahrzehnte verbreitet. Heute empfehlen internationale Fachorganisationen für die meisten stabilen Neugeborenen eine Verzögerung.

Die WHO bezeichnet die verzögerte Abklemmung ausdrücklich als Teil der unmittelbaren Neugeborenenversorgung – zusammen mit Wärme, Hautkontakt, Unterstützung des Stillbeginns und, wenn nötig, Reanimation.

Eine gesellschaftliche Frage

Wenn etwas biologisch sinnvoll ist und die Evidenz dafür spricht: Sollte es dann nicht selbstverständlich sein, dass Eltern darüber informiert werden?

Sollten Eltern wissen:
Wann wird die Nabelschnur abgeklemmt?
Warum zu diesem Zeitpunkt?
Gibt es einen medizinischen Grund für ein sofortiges Abklemmen?
Was geschieht anschließend mit Nabelschnurblut oder anderem biologischen Material?

Transparenz beginnt nicht erst bei einer Rechnung. Sie beginnt bei der Information.

Das biologische Material einer Geburt besitzt medizinischen Wert

Nabelschnurblut enthält hämatopoetische Stammzellen. Diese Zellen können für bestimmte Transplantationen verwendet werden und werden seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht. Die Nabelschnur und das daraus gewonnene Material sind kein bedeutungsloses Abfallprodukt. Sie können medizinisch relevant sein.

Deshalb sollten Eltern verstehen, welche Möglichkeiten bestehen und welche Entscheidungen getroffen werden. Information gehört zu einer respektvollen Geburt.

Die großen Zahlen

Während wir über einzelne Maßnahmen sprechen, bleibt das große Bild bedrückend. Nach aktuellen Schätzungen internationaler Organisationen starben 2023 weltweit rund 260.000 Frauen während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder im Wochenbett – ungefähr ein mütterlicher Todesfall alle zwei Minuten. Die überwiegende Mehrheit dieser Todesfälle tritt in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen auf; viele Ursachen sind vermeidbar.

Auch die Zahl der Todesfälle bei Neugeborenen bleibt enorm. Millionen Kinder sterben weltweit in den ersten Lebenswochen – an Frühgeburtlichkeit, Geburtskomplikationen, Infektionen und weiteren Ursachen.

Die Nabelschnur ist nicht die einzige Antwort. Aber sie ist ein Beispiel dafür, wie entscheidend die ersten Minuten eines Lebens sein können.

Der entscheidende Punkt

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt:
Wir müssen nicht das gesamte System auf einmal umbauen, um etwas zu verändern. Manchmal genügt es, an einer einzigen, scheinbar kleinen Stelle genauer hinzuschauen.

Warum wird eine Maßnahme so und nicht anders durchgeführt?
Welche Evidenz liegt heute vor?
Werden Eltern klar und rechtzeitig informiert?
Und wer trifft die Entscheidung – und auf welcher Grundlage?

Solche Fragen sind keine Kleinigkeit. Sie verändern die Praxis. Sie verändern das Verhältnis zwischen medizinischem Personal und Eltern. Und sie können, über viele Geburten hinweg, die Qualität der Versorgung verbessern.

Die Geschichte der Medizin zeigt immer wieder: Veränderungen beginnen selten mit großen Revolutionen. Sie beginnen damit, dass bestehende Routinen hinterfragt werden, sobald bessere Erkenntnisse vorliegen. Beim Abklemmen der Nabelschnur ist das bereits geschehen. Andere Fragen werden folgen.

Die Nabelschnur ist dabei mehr als biologisches Gewebe. Sie markiert den Übergang vom abhängigen zum eigenständigen Leben – einen Prozess, der Minuten dauert und in dem medizinische Entscheidungen unmittelbare Folgen haben können. Gerade deshalb verdient dieser Moment Aufmerksamkeit, Klarheit und evidenzbasiertes Handeln.

Wer die Welt verändern will, muss nicht zwangsläufig mit den größten Problemen beginnen. Manchmal reicht es, beim Anfang anzusetzen – bei der ersten Minute eines menschlichen Lebens.


AHNENKRAFT.CH

Dieser Beitrag dient der Information und gesellschaftlichen Diskussion. Er ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Entscheidungen über die Versorgung während und unmittelbar nach der Geburt sollten entsprechend der individuellen Situation von Mutter und Kind und nach aktuellen medizinischen Leitlinien getroffen werden.

 

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