Antibiotika und Pilzinfektionen: Wenn das natürliche Gleichgewicht aus dem Takt gerät

Antibiotika und Pilzinfektionen: Wenn das natürliche Gleichgewicht aus dem Takt gerät

Antibiotika können bei bakteriellen Infektionen lebenswichtige Medikamente sein. Gleichzeitig greifen sie jedoch nicht nur krankmachende Bakterien an. Auch nützliche Bakterien unseres Mikrobioms können durch eine Antibiotikabehandlung zurückgedrängt werden.

Genau hier kann ein Problem entstehen: Verändert sich das natürliche Gleichgewicht zwischen verschiedenen Mikroorganismen, können sich bestimmte Pilze – insbesondere Candida-Arten – unter günstigen Bedingungen stärker vermehren.

Unser Körper ist ein Ökosystem

Auf und in unserem Körper leben Milliarden von Mikroorganismen. Dazu gehören Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen, die normalerweise miteinander in einem komplexen Gleichgewicht stehen.

Diese Gemeinschaft wird unter anderem als Mikrobiom bezeichnet.

Viele unserer natürlichen Bakterien konkurrieren mit Pilzen um Nährstoffe und Lebensraum. Gleichzeitig produzieren bestimmte Bakterien Stoffwechselprodukte, die das Wachstum anderer Mikroorganismen beeinflussen können.

Das Mikrobiom trägt dadurch zur sogenannten Kolonisationsresistenz bei: Krankheitserreger und opportunistische Mikroorganismen haben es schwerer, sich unkontrolliert auszubreiten.

Was passiert nach Antibiotika?

Antibiotika können die Zusammensetzung des Mikrobioms teilweise deutlich verändern. Dabei werden nicht ausschließlich unerwünschte Bakterien getroffen.

Nach einer Antibiotikabehandlung können sich deshalb die Mengenverhältnisse verschiedener Bakterien verändern. Auch die Wechselwirkungen zwischen Bakterien und Pilzen können sich verschieben.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Antibiotikabehandlungen die Zusammensetzung des sogenannten Mykobioms, also der Pilzgemeinschaft des Körpers, beeinflussen können.

Eine mögliche Folge ist, dass Pilze wie Candida albicans, die bei vielen Menschen natürlicherweise vorkommen, unter bestimmten Umständen bessere Wachstumsbedingungen vorfinden.

Candida ist nicht automatisch eine Krankheit

Ein wichtiger Punkt wird dabei häufig übersehen:

Candida ist nicht grundsätzlich ein Krankheitserreger.

Candida-Arten können Teil der normalen Mikroflora sein, beispielsweise im Mund- und Darmbereich. Erst wenn sich das ökologische Gleichgewicht verändert und weitere Faktoren hinzukommen, kann daraus eine übermäßige Vermehrung oder eine Infektion entstehen.

Das erklärt auch, warum zwei Menschen nach einer vergleichbaren Antibiotikabehandlung völlig unterschiedliche Erfahrungen machen können.

Warum betrifft es manche Menschen stärker?

Das Risiko für eine Pilzinfektion hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Art und Dauer der Antibiotikabehandlung

  • wiederholte Antibiotikatherapien

  • bestehende Veränderungen des Mikrobioms

  • geschwächtes Immunsystem

  • Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen

  • bestimmte Medikamente, beispielsweise Kortikosteroide

  • lokale Faktoren wie Feuchtigkeit und Hautbarriere

Besonders Breitbandantibiotika können das bakterielle Ökosystem stärker beeinflussen, weil sie gegen ein breiteres Spektrum von Bakterien wirken.

Mund, Darm und Haut

Pilzprobleme können an unterschiedlichen Stellen auftreten.

Im Mund kann sich beispielsweise eine orale Candidose (Mundsoor) entwickeln. Typische Beschwerden können weiße Beläge, Brennen oder Schmerzen im Mund sein.

Auch im Darm verändert eine Antibiotikatherapie die mikrobielle Gemeinschaft. Studien zeigen, dass solche Veränderungen nicht nur die Bakterien betreffen, sondern auch die dort vorhandenen Pilzgemeinschaften.

Auf der Haut wiederum spielen Temperatur, Feuchtigkeit, Hautbarriere und die lokale Mikroflora eine wichtige Rolle.

Was kann man nach einer Antibiotikatherapie tun?

Nach einer Antibiotikabehandlung steht zunächst die Wiederherstellung eines möglichst vielfältigen Lebensstils und einer ausgewogenen Ernährung im Vordergrund.

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen kann das Wachstum verschiedener nützlicher Darmbakterien unterstützen. Dazu gehören beispielsweise Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen und andere pflanzliche Lebensmittel.

Auch fermentierte Lebensmittel können Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein.

Wichtig ist jedoch: Eine vermutete Pilzinfektion sollte nicht automatisch mit sogenannten „Anti-Pilz-Kuren“ behandelt werden.

Bei anhaltenden Beschwerden sollte zunächst geklärt werden, ob tatsächlich eine Pilzinfektion vorliegt. Je nach Körperregion und Art der Infektion können unterschiedliche Ursachen dahinterstecken und eine gezielte Behandlung erforderlich sein.

Das eigentliche Thema: Das mikrobielle Gleichgewicht

Antibiotika sind ein wichtiges Werkzeug der modernen Medizin. Die Diskussion sollte deshalb nicht „Antibiotika sind schlecht“ gegen „Antibiotika sind gut“ heißen.

Interessanter ist eine andere Frage:

Was passiert mit unserem gesamten mikrobiellen Ökosystem, wenn wir gezielt Bakterien verändern?

Die moderne Mikrobiomforschung zeigt zunehmend, dass Bakterien und Pilze nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Veränderungen im bakteriellen Ökosystem können auch Auswirkungen auf die Pilzgemeinschaft haben.

Nach einer Antibiotikatherapie kann es deshalb sinnvoll sein, den Körper nicht nur unter dem Gesichtspunkt der ursprünglichen bakteriellen Infektion zu betrachten, sondern auch die langfristigen Veränderungen des Mikrobioms im Blick zu behalten.

Fazit

Antibiotika können lebensrettend sein – gleichzeitig können sie das natürliche mikrobielle Gleichgewicht verändern. Dadurch können sich die Bedingungen für opportunistische Pilze wie Candida verändern.

Das bedeutet nicht, dass Antibiotika grundsätzlich vermieden werden sollten. Es bedeutet vielmehr, dass der Zusammenhang zwischen Antibiotika, Mikrobiom und Pilzen zunehmend wichtiger wird.

Ein gesunder Körper ist kein steriles System. Er ist ein komplexes Ökosystem, in dem Bakterien, Pilze und menschliche Zellen ständig miteinander interagieren.

Wer das Mikrobiom verstehen möchte, muss deshalb nicht nur über Bakterien sprechen – sondern auch über die Pilze, die mit ihnen zusammenleben.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine Pilzinfektion sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden.

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